• Simon Huser

Health Literacy – nur wer gut informiert ist, kann kompetent entscheiden

Dernière mise à jour : 27 avr.

Gesundheit ist in unserer Gesellschaft längst mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit. Gesundheit wird als Lifestyle, übergeordnetes Lebensziel und selbstbestimmter Aktionsbereich, den es zu optimieren gilt, gesehen. Doch wie kann das Gesundheitsbewusstsein gesteigert werden? Und wie beeinflusst man die eigene Gesundheit? Da kommt die Gesundheitskompetenz ins Spiel [1].


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Autoren: Alina Dintheer, Simon Huser

 

Was ist mit Gesundheitskompetenz gemeint?

Unter „Health Literacy“ – oder auf Deutsch „Gesundheitskompetenz“ – versteht sich die Fähigkeit, im täglichen Leben Entscheidungen treffen zu können, welche sich positiv auf die eigene Gesundheit auswirken. Dabei bezieht sich der Begriff auf verschiedenste Bereiche des Alltags: Sei es zu Hause, am Arbeitsplatz, in der Freizeit oder im Gesundheitssystem. Die Idee hinter dem Konzept der Gesundheitskompetenz ist stets, fundierte Entscheidungen treffen zu können, welche die Gesundheit verbessern und erhalten sowie ermöglichen, besser mit bestehenden Krankheiten umzugehen [2].


Ein in Europa angesehenes Modell von Kristine Sørensen basiert auf der Einteilung der gesamten Gesundheitskompetenz in verschiedene Dimensionen [3]. Dabei wird zwischen Gesundheitsinformationen, Gesundheitsversorgung, Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung unterschieden. Gleichzeitig weist ein Pfeil darauf hin, wie die Hauptdimensionen auf der individuellen Ebene oder auf der Bevölkerungsebene eingestuft werden (siehe Abbildung 1).


Gesundheitskompetente Personen können zum Beispiel gesundheitsrelevante Informationen finden, lesen und verstehen (Gesundheitsinformationen), kennen den Aufbau unseres Gesundheitssystems (Gesundheitsversorgung), wissen, wieso Rauchen der Gesundheit schadet (Krankheitsprävention) oder verstehen die Wichtigkeit von ausreichend Bewegung und gesunder Ernährung (Gesundheitsförderung).


Abbildung 1 | Modell der Dimensionen der Gesundheitskompetenz

Das Modell der Gesundheitskompetenz nach Kristine Sørensen teilt die Gesundheitskompetenz in die Dimensionen Gesundheitsinformationen, Gesundheitsversorgung, Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung auf. Dabei wird auf den Ebenen «Individuum» sowie «Bevölkerung» unterschieden. Eigene vereinfachte Darstellung basierend auf dem Modell von Kristine Sørensen.



Unsere Gesundheitskompetenz besteht jedoch nicht nur aus der persönlichen Fähigkeit, gesundheitsfördernd zu handeln, sondern beinhaltet auch externe Einflussfaktoren wie Fachpersonen oder Institutionen, welche die Gesundheitskompetenz verbessern können. So unterstützen uns gesundheitskompetente Organisationen zum Beispiel dabei, uns im Gesundheitssystem zurechtzufinden oder bei Gesundheitsfragen selbstbestimmt zu handeln (siehe Abbildung 2).


Abbildung 2 | Gesundheitskompetenz

Die Gesundheitskompetenz basiert nicht nur auf der individuellen Ebene, sondern wird auch von externen Faktoren wie Fachpersonen, Organisationen sowie Institutionen beeinflusst, welche die Gesundheits-kompetenz der Individuen unterstützen und fördern. Eigene Darstellung basierend auf Allianz Gesundheits-kompetenz Schweiz.



Die Schweiz im internationalen Vergleich

Gesundheitskompetenz und Gesundheitszustand sind eng miteinander verknüpft – nur wer gut informiert ist, kann Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten bei Gesundheitsfragen nutzen und fundiert entscheiden. Die Erhöhung der Gesundheitskompetenz ist demzufolge eine relevante Strategie in Bezug auf Gesundheitsförderung sowie Krankheitsprävention und – bewältigung.


Daher ist es interessant, durch Erhebungen im Bereich Health Literacy mehr über den Zusammenhang zwischen Gesundheitskompetenz und -zustand herauszufinden. Das M-POHL (Action Network on Measuring Population and Organizational Health Literacy) von der WHO-Europe hat dazu einen Fragebogen entwickelt, welcher das gesamte Spektrum der Gesundheitskompetenz abdeckt. Fragen zu den Themenbereichen Gesundheitsförderung, Krankheitsprävention sowie -bewältigung sind darin zu finden. Das Ziel der Erhebungen ist es herauszufinden, wie gut die Bevölkerung mit Gesundheitsinformationen umgehen kann, wie unterstützend Gesundheitsdienste wahrgenommen werden und welche möglichen Ursachen für eine geringe Gesundheitskompetenz bestehen.

Eine grosse Studie des M-POHLs (2015) zeigt den Vergleich acht europäischer Länder in Bezug auf die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung (siehe Abbildung 3). Diese wurde zwar ohne Beteiligung der Schweiz durchgeführt, jedoch wurden die Daten der Schweiz im Nachhinein im Auftrag vom BAG noch ergänzt [4].


Abbildung 3 | Generelle Gesundheitskompetenz im Ländervergleich

Die generelle Gesundheitskompetenz wurde basierend auf einem Fragebogen mit Fragen zu den Themen-bereichen Gesundheitsförderung, Krankheitsprävention sowie Krankheitsbewältigung durchgeführt. Die Schweiz reiht sich im europäischen Mittelfeld ein, die Niederlande schneidet mit Abstand am besten ab. Eigene Darstellung mit Daten aus: HLS-EU, WHO Europe (2015) sowie BAG (2016)



Auffallend dabei ist, dass die Schweiz – sowie auch Österreich und Deutschland – trotz eines sehr gut funktionierenden Gesundheitssystems lediglich im europäischen Mittelfeld platziert ist. Die Umfrage ergab des Weiteren, dass mehr als 50% aller Befragten in der Schweiz eine unzureichende oder problematische Gesundheitskompetenz aufweisen.


Als weiteren spannenden Punkt sticht die Niederlande heraus. Mit mehr als 71% der Befragten, die eine ausgezeichnete oder ausreichende Gesundheitskompetenz vorweisen, schneidet das Land am besten ab. Wieso in den Niederlanden gegenwärtig so gute Ergebnisse in der Förderung der Gesundheitskompetenz erzielt werden, lässt sich durch das niederländische nationale Förderungsprogramm erklären: Die Patientenrechte werden darin spezifisch gestärkt, Individuen sowie die Bevölkerung als Ganzes werden zielgerecht befähigt, gesundheitskompetent zu handeln und der Fokus liegt auf der Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit. Hinter diesem Programm steht eine 2010 gegründete Allianz für Gesundheitskompetenz, welche mittlerweile mehr als 60 Mitgliederorganisationen wie Patientengruppen, Dachorganisationen oder politische Vertretungen umfasst. Dies verbessert die Kommunikation zwischen den verschiedenen Interessengruppen im gesamten Gesundheitsversorgungssektor [5].


Handlungsspielraum in der Optimierung der Gesundheitskompetenz

Auch in der Schweiz gibt es eine Allianz, welche es sich zum Ziel gesetzt hat, die Gesundheitskompetenz der Schweizer Bevölkerung so zu erhöhen, dass alle Personen befähigt sind, ihre Gesundheitsdeterminanten positiv zu beeinflussen sowie sich autonomer im Gesundheitssystem zu bewegen [6]. Somit knüpfen wir bereits etwas an den niederländischen Ansatz an. Des Weiteren ist in der Schweiz die Stärkung der Health Literacy als Ziel in der bundesrätlichen Strategie „Gesundheit 2030“ verankert [7]. Der Handlungsspielraum in der Optimierung der Gesundheitskompetenz gestaltet sich sehr vielfältig.


Gesundheitskompetenz – eine gesamtheitliche Betrachtung

Der eigenen Gesundheit Sorge tragen sowie die Gesundheit im Sinne der Lebensqualität zu optimieren wurde in den letzten Jahren zu einem regelrechten Trend. Gesundheit ist in praktisch allen unserer Lebensbereiche präsent. Doch nicht nur das persönliche Interesse an der Gesundheitskompetenz hat sich erhöht, auch wird von der Gesellschaft und vom Bund immer mehr verlangt, dass die Bevölkerung aktiv Verantwortung für die eigene Gesundheit und die anderer übernimmt. Gerade in Bezug auf die Covid-19 Pandemie und deren Bekämpfung entstand ein neuer Blickwinkel auf Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Angelegenheit.

Verschiedene externe Faktoren wie Organisationen und Fachpersonen, das Internet oder Werbung beeinflussen die Gesundheitskompetenz eines Individuums. Diese Vielschichtigkeit bedeutet somit, dass die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung am effizientesten gesteigert werden kann, wenn geeignete Rahmenbedingungen wie Informationsquellen, Unterstützungsstrukturen oder politische Voraussetzungen gegeben sind.


Mögliche Handlungsfelder zur Förderung der Gesundheitskompetenz

Das Konzept der Gesundheitskompetenz ist enorm vielfältig – so sind es auch die möglichen Handlungsfelder, in denen Ansätze zur Förderung der Gesundheitskompetenz umgesetzt werden können.


Wie kompetent jemand Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten bei Gesundheitsfragen nutzen kann, ist von diversen Aspekten abhängig [4]. Regionale Unterschiede (Kanton, Sprachregion), finanzielle Situation, soziale Einbettung, Beschäftigungsstatus, Alter oder die Sprachkompetenz der lokalen Sprache beeinflussen die Gesundheitskompetenz. Daher ist es von Bedeutung, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung auf verschiedenen Ebenen und mit diversen Mitteln zu fördern. Nur so kann ein möglichst grosser Teil der Bevölkerung von den Verbesserungen profitieren [9].


In Bezug auf die Hauptdimensionen der Gesundheitskompetenz wie sie Kristine Sørensen definiert hat, (siehe Abbildung 1) kann bei Initiativen zur Förderung der Gesundheitskompetenz klar definiert werden, bei welcher der Dimensionen (Gesundheitsinformationen, Gesundheitsversorgung, Krankheitsprävention oder Gesundheitsförderung) eine Massnahme ansetzt. Des Weiteren sollte definiert werden, welches Ziel verfolgt wird und welche Zielgruppe angesprochen werden soll. Somit können je nach Interesse verschiedene Ansätze, Wege und Kanäle zur nachhaltigen Förderung der Gesundheitskompetenz genutzt werden.


Eine andere Art, spezifisch Einfluss auf die Gesundheitskompetenz zu nehmen, ist die Aufteilung in die verschiedenen Lebensbereiche, in denen wir uns bewegen [6]. Es wird zwischen Gesundheitswesen, Bildungsbereich, Arbeitswelt, Familie und Freizeit und Medien und Kommunikation unterschieden (siehe Abbildung 4). Die Gesundheitskompetenz kann je nach Bereich spezifisch mit anderen Instrumenten gefördert werden.


Abbildung 4 | Gesundheitskompetenz in allen Bereichen

Gesundheitskompetenz betrifft alle Bereiche unseres Lebens – sei es im Bildungswesen, in der Arbeitswelt, im Gesundheitswesen, in der Familie und Freizeit oder in den Medien. Daher kann auch in allen Lebensbereichen die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung unterschiedlich gefördert werden. Eigene Darstellung basierend auf Allianz Gesundheitskompetenz Schweiz.



Zum besseren Verständnis anschliessend einige Beispiele von Initiativen und Kampagnen, welche in der Schweiz bereits durchgeführt wurden:


1. Mamamundo – Geburtsvorbereitung in acht verschiedenen Sprachen im Raum Bern

Frauen mit Migrationshintergrund oder/ und sprachlichen Barrieren werden spezifisch geschult, um ihnen in der vorgeburtlichen Phase selbstbestimmte Entscheidungen zu ermöglichen und Versorgungslücken zu vermeiden (Gesundheitswesen)


2. Lese- und Schreibkurse in allen Landessprachen

Lesen und Schreiben als Basis für Gesundheitskompetenz – nur wer Informationen lesen und verstehen kann, kann diese nutzen, um positive Gesundheitsentscheidungen zu treffen. Beispiele dafür sind Beipackzettel von Medikamenten oder Formulare, die man beim Arzt ausfüllen muss. Der Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben bietet dafür zahlreiche Lese- und Schreibkurse an. (Bildung)


3. App „ErgoCheck“ für einen ergonomischen Büroarbeitsplatz

Mit Hilfe der Lern- und Checkvideos, welche in der App zu finden sind, lässt sich der Büroarbeitsplatz ergonomischer einrichten und auf Ergonomie überprüfen. Prävention am Arbeitsplatz durch ein Online-Instrument. (Arbeitswelt)


4. Evivo „Gesund und aktiv leben“

Evivo ist ein Verein sowie Kursprogramm, welches sich für chronisch erkrankte Personen und deren Angehörige einsetzt. Ziel ist dabei, die Selbstwirksamkeit der Betroffenen zu fördern und ihnen im Umgang mit ihrer Krankheit zu helfen. (Familie und Freizeit)


5. Prämienrechner Priminfo des EDI (Eidgenössischen Departements des Inneren)

Mit dem Prämienrechner können Privatpersonen sich besser über die unterschiedlichen Versicherungsangebote informieren. Dies ist hilfreich, da entsprechendes Wissen benötigt wird, um die in der Schweiz obligatorische Krankenversicherung abzuschliessen. (Medien und Kommunikation)




Wir, Muller Healthcare Consulting, freuen uns als Beratungsunternehmen im Gesundheitssektor unseren Beitrag zur Förderung der Gesundheitskompetenz zu leisten. Wir unterstützen Gesundheitsinstitutionen bei Fragen zur Förderung der Gesundheitskompetenz, erarbeiten Strategien dafür und helfen bei der Umsetzung von Förderungsprogrammen und -kampagnen.





[1] Zukunftsinstitut, “Megatrend Gesundheit”, Accessed: 03.02.2022 https://www.zukunftsinstitut.de/dossier/megatrend-gesundheit/

[2] Bundesamt für Gesundheit, BAG, «Gesundheitskompetenz», 2021, Accessed: 03.02.2022 https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/strategie-und-politik/nationale-gesundheitspolitik/gesundheitskompetenz.html

[3] Sørensen, K., Van den Broucke, S., Fullam, J. et al.Health literacy and public health: A systematic review and integration of definitions and models. BMC Public Health12, 80 (2012).

[4] De Gani, S. M., Jaks, R., Bieri, U., Kocher, J. Ph. (2021). Health Literacy Survey Schweiz 2019-2021. Schlussbericht im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit BAG. Zürich, Careum Stiftung.

[5] Kickbusch, I., Pelikan, J., Haslbeck, J., Apfel, F., Tsouros, A. (2016). Gesundheitskompetenz. Die Fakten. Veröffentlicht von der Careum Stiftung Schweiz.

[6] Allianz Gesundheitskompetenz, "Gesundheitskompetenz fördern – Ansätze und Impulse", Ein Action Guide der Allianz Gesundheitskompetenz, 2016, Accessed: 03.02.2022 https://www.allianz-gesundheitskompetenz.ch/de

[7] Bundesamt für Gesundheit, BAG, «Gesundheit 2030», 2021, Accessed: 03.02.2022 https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/strategie-und-politik/gesundheit-2030.html


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